ADHS oder einfach lebhaft? Wie Lehrkräfte Unterschiede erkennen können

Manchmal sitzt ein Kind keine zwei Minuten ruhig auf seinem Platz. Es ruft dazwischen, vergisst Materialien, verliert Arbeitsblätter, beginnt Aufgaben voller Elan und scheint sie fünf Minuten später schon wieder vergessen zu haben. Viele Lehrkräfte kennen solche Schülerinnen und Schüler. Oft fällt dann schnell der Satz: „Der hat bestimmt ADHS.“
Doch genauso häufig höre ich von Lehrkräften die gegenteilige Frage: „Ist das wirklich ADHS oder einfach ein lebhaftes Kind?“
Genau darum soll es heute gehen.
Denn nicht jedes aktive, unkonzentrierte oder impulsive Verhalten bedeutet automatisch, dass eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung vorliegt. Gleichzeitig erleben viele Kinder mit ADHS immer noch Missverständnisse, die ihren Schulalltag zusätzlich erschweren.
Als ehemalige Lehrerin und Psychotherapeutin möchte ich Ihnen deshalb einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen.
Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass Kinder von Natur aus unterschiedlich sind. Manche sind ruhig, manche lebhaft. Manche arbeiten konzentriert und strukturiert, andere sind kreativ, spontan und ständig in Bewegung. Diese Unterschiede gehören zur normalen Entwicklung.
ADHS beginnt dort, wo die Schwierigkeiten deutlich über das hinausgehen, was für das jeweilige Alter typisch wäre. Es geht also nicht darum, ob ein Kind gelegentlich träumt, zappelt oder etwas vergisst. Das tun wir schließlich alle.
Die entscheidende Frage lautet: Wie stark beeinträchtigen die Schwierigkeiten den Alltag?
Kinder mit ADHS möchten häufig aufmerksam sein. Sie möchten sich konzentrieren. Sie möchten Aufgaben zu Ende bringen. Das Problem ist nicht fehlender Wille, sondern eine eingeschränkte Fähigkeit zur Selbststeuerung.
Stellen Sie sich das Gehirn wie ein Orchester vor. Bei den meisten Menschen gibt es einen Dirigenten, der dafür sorgt, dass die verschiedenen Instrumente einigermaßen zusammenarbeiten. Bei ADHS arbeitet dieser innere Dirigent oft weniger zuverlässig. Gedanken, Impulse, Reize und Gefühle drängen gleichzeitig nach vorne.
Das Ergebnis erleben wir dann im Unterricht.
Das Kind beginnt eine Aufgabe und entdeckt plötzlich etwas Interessanteres.
Es möchte sich melden, ruft aber dazwischen.
Es weiß, dass es sitzen bleiben soll, steht aber trotzdem auf.
Und ganz wichtig: Viele dieser Verhaltensweisen geschehen nicht absichtlich.
Das ist ein Punkt, der mir besonders wichtig ist.
Viele Kinder mit ADHS hören täglich Sätze wie:
„Streng dich doch einfach mehr an.“
„Jetzt konzentrier dich endlich.“
„Du könntest, wenn du nur wolltest.“
Das Problem ist: Die meisten wollen tatsächlich.
Sie schaffen es nur nicht zuverlässig.
Das ist ein großer Unterschied.
Natürlich gibt es auch lebhafte Kinder ohne ADHS. Diese können meist dann aufmerksam arbeiten, wenn sie möchten oder wenn die Situation wichtig genug erscheint. Sie vergessen Dinge gelegentlich, können sich aber grundsätzlich organisieren. Sie sind aktiv, aber ihre Aktivität führt nicht dauerhaft zu Problemen in mehreren Lebensbereichen.
Bei ADHS dagegen zeigen sich die Schwierigkeiten häufig über Jahre hinweg und in unterschiedlichen Situationen – zu Hause, in der Schule, bei Hausaufgaben oder in sozialen Beziehungen.
Was bedeutet das nun für Lehrkräfte?
Der erste Schritt besteht darin, Verhalten nicht vorschnell als Unwillen zu interpretieren.
Wenn ein Kind zum fünften Mal seine Materialien vergessen hat, lohnt sich die Frage:
„Will es nicht oder kann es gerade nicht?“
Allein dieser Perspektivwechsel verändert oft die eigene Haltung.
Hilfreich sind außerdem klare Strukturen. Kinder mit ADHS profitieren besonders von vorhersehbaren Abläufen, sichtbaren Regeln und kleinen Arbeitsschritten. Je komplexer eine Aufgabe wirkt, desto größer wird häufig die Überforderung.
Auch Bewegung kann helfen. Viele Kinder mit ADHS konzentrieren sich besser, wenn sie zwischendurch kurze Bewegungsmöglichkeiten erhalten. Was auf den ersten Blick wie Unruhe aussieht, kann manchmal ein Versuch des Körpers sein, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.
Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft das Feedback. Kinder mit ADHS erhalten häufig deutlich mehr Kritik als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Dadurch entwickeln viele ein negatives Selbstbild.
Versuchen Sie deshalb bewusst, auch kleine Fortschritte wahrzunehmen.
Nicht nur das Ergebnis zählt.
Manchmal verdient bereits die Anstrengung Anerkennung.
Mein wichtigster Gedanke zum Schluss lautet: ADHS ist keine Frage von Intelligenz, Motivation oder Erziehung. Es handelt sich um eine neurobiologische Besonderheit, die Herausforderungen mit sich bringt, aber oft auch Stärken beinhaltet. Viele Menschen mit ADHS sind kreativ, begeisterungsfähig, spontan und verfügen über eine außergewöhnliche Fähigkeit, sich für Themen zu interessieren, die sie wirklich faszinieren.
Vielleicht hilft deshalb eine andere Sichtweise.
Statt zu fragen: „Was stimmt mit diesem Kind nicht?“, könnten wir fragen:
„Wie funktioniert dieses Kind und was braucht es, um sein Potenzial zu zeigen?“
Denn genau dort beginnt häufig die eigentliche Unterstützung.
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[…] im Aufmerksamkeitsverhalten von Schülern beschäftigt, ist unter folgendem Link zu finden: ADHS oder einfach lebhaft: Wie Lehrkräfte Unterschiede erkennen können. Dieser Artikel bietet wertvolle Einblicke, die Lehrern helfen können, die unterschiedlichen […]